Aktive Kulturpolitik und Bürgerbeteiligung in Bludenz

Die Stadt Bludenz setzt mit dem Projekt „Kulturfabrik 2030“ aktiv Akzente in der Kulturentwicklung der Stadt und der Region. Dahinter steht die Initiative des Kulturstadtrates Christoph Thoma. Bludenz soll die Kulturstadt im Süden Vorarlbergs werden. Die Leitschienen dafür sollen nun gesetzt werden – mit maßgeblicher Unterstützung des Landes Vorarlberg.

Mittels partizipativer Workshops und Dialog-Events will man die Kulturschaffenden und die Bevölkerung in den Prozess einbinden und herausfinden, in welche Richtung sich das Bludenzer Kulturleben in Zukunft entwickeln kann. Potentiale der Alpenstadt sollen ausgelotet, Schnittstellen mit den angrenzenden Tälern gefunden werden. Ein neues Stadtmuseum Bludenz soll langfristig, aber mit konkretem Zeitplan entstehen. Ideen dafür sammelt man mit einem partizipativen Stadtlabor. Dabei sollen die Bludenzer und Bludenzerinnen aktiv an der Gestaltung des Stadtmuseums mitarbeiten können. Darüber hinaus werden kulturelle Jubiläen, besondere Ausstellungen und Leuchtturmprojekte der Region Bludenz zum Konzept „Kulturfabrik 2030“ zusammengefasst.

Raffaela Rudigier-Gerer hat Kulturstadtrat Christoph Thoma zu den neuen kulturellen Entwicklungen in Bludenz interviewt.

Wie stand es um das Bludenzer Kulturleben bisher, warum war Handlungsbedarf gegeben? Woher kam der Impuls zur Kulturfabrik 2030?

Es ist wie in der Wirtschaft: Wenn es uns gut geht, muss man vorausschauen und an der Zukunft arbeiten. So gesehen ist dies ein absolut visionärer Schritt, das Bludenzer Kulturleben strukturiert zu evaluieren, Modelle für die kommenden Jahre zu erarbeiten und zudem die Bürgerinnen und Bürger aktiv in diese konzeptionelle Arbeit mit einzubinden, was zudem ein Novum für Bludenz darstellt.

Mit „Kulturfabrik 2030“ will die Stadt gemeinsam mit der Region einen breit angelegten Kulturstrategieprozess ins Laufen bringen. Was kann man sich kurz zusammengefasst darunter vorstellen? 

Es geht um einen gemeinsamen Weg, um Zukunftsfragen, um Maßnahmen, wie wir das kulturelle Leben von Bludenz und der Region gestalten können. Was sind unsere Kernaufgaben? Ich vertrete längst den Standpunkt, dass Kulturämter nicht mehr Veranstalter sein sollten, sondern Möglichkeitsräume für kulturelle Produktion schaffen müssten. Es braucht Raum zum Experiment, zum Scheitern. Es geht um das Individuum, es braucht einen Diskurs über unsere Gesellschaft und unseren Lebensraum. Das verstehe ich als zeitgemäße Kulturarbeit, und dafür braucht es Bewusstseinsbildung, denn das stellt auch einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis von kommunaler Kulturarbeit dar.

Ein spielerischer, sehr auf Partizipation angelegter Strategieprozess ist derzeit also am Laufen. Ein Kernteam wurde gebildet. Ein erstes Treffen hat bereits stattgefunden, in dem die Potentiale der Region mit einem Kernteam ausgelotet wurden – in welche Richtung gehen die Erkenntnisse daraus?

Inhalte jetzt in der Öffentlichkeit zu diskutierten, wäre völlig verfrüht. Soviel vorweg: Es geht um das Verbindende, nicht das Trennende. Kultur als Katalysator von Stadtentwicklung, als Kreativlabor, und es geht vor allem um Freiräume im kulturellen Denken und Tun, es braucht mehr Räume für kulturelle Produktion. Bludenz ist die Bezirkshauptstadt des flächenmäßig größten Bezirkes des Landes, was oft vergessen wird. Und daher wollen wir auch mehr Verantwortung übernehmen, zumindest als Netzwerk-Plattform.

Welchen Herausforderungen steht man bei so einer Strategieentwicklung gegenüber?

Die wichtigste Herausforderung, gerade in der Stadt Bludenz, ist die überparteiliche Kraft von Kulturarbeit. Daher versuche ich konsequent alle vier Bludenzer Fraktionen in den Prozess einzubinden und verweise immer wieder darauf, dass Menschen, die nur kommen, um etwas kaputtzureden, besser zurück an ihren Stammtisch kehren. Diesen Apell richte ich explizit an die SPÖ Bludenz!

Man setzt im Prozess vor allem auf Beteiligung durch partizipative Methoden – haben die Bludenzer auf so eine Gelegenheit gewartet oder bedarf es großer Anstrengung die Leute mit an Bord zu holen?

Bürgerbeteiligung ist ein Schlagwort unseres politischen Alltags geworden. Die Frage ist, wie ernsthaft sie betrieben wird? Die Kulturfabrik versteht sich auch als ein Angebot an die Bevölkerung sich mit ihrem Lebensraum zu beschäftigen, diesen aktiv zu gestalten. Fragen Sie mich am Ende des Prozesses, ob das aufgegangen ist. Ein Vorbild für mich ist die Initiative von St. Pölten für die Kulturhauptstadt 2024, die ein breites Angebot an gesellschaftlichem Engagement anbietet und die Bürgerinnen und Bürger konsequent in diesen kulturstrategischen Prozess involviert.

Polemisch gefragt: Kann ein „von oben“ eingeleiteter Prozess funktionieren und die Bevölkerung mitreißen bzw. gibt es dazu überhaupt eine Notwendigkeit?

Wie man es macht, ist es falsch. Machen es die Kulturakteure, dann heißt es, es fehlt der politische Wille. Kommt der Impuls für kulturpolitische Leitplanken von einem Kulturpolitiker, ist der Prozess von oben gesteuert. Ich mag das nicht weiter ausführen. Ja, es braucht Prozesse dieser Art, es braucht einen Diskurs über Kulturarbeit, es braucht eine aktive Kulturpolitik, und vor allem braucht es Bürgerbeteiligung. Diesen Weg gehen wir konsequent.

Bludenz begeht einige Jubiläen dieses Jahr: 30 Jahre Verein allerArt, 20 Jahre Remise, 30 Jahre Bludenz saluta Valsugana, zudem wird es einige Neuheiten geben (Stadtlabor Bludenz, Kunstwanderweg, Shakespeare am Berg) und bekannte Leuchtturmprojekte der letzten Jahre werden als Kulturimpulse des Bezirk Bludenz hinzugezählt – all das wird unter dem Titel „Kulturfabrik 2030“ zusammengefasst. Möchte man damit als gesammelter Süden des Landes auch einen Gegenpol zum „kulturellen Wasserkopf“ Bregenz werden?

Ich finde diese Vergleiche mit Bregenz kontraproduktiv. Bregenz ist das kulturelle Zentrum Vorarlbergs, Bregenz ist die Kulturhauptstadt des Landes und der Bodenseeregion. Daran wird auch die Dornbirner Kulturhauptstadtbewerbung nichts ändern. Wir konzentrieren uns auf uns. Die Regionen sollten ihre Schwerpunkte und ihren jeweiligen Markenkern fokussieren. Wir tun das, mit realistischen Zielen, die nicht fernab der Realität sind und wir wollen weg von der Metaebene, von der ständigen Diskussion über einen möglichen Kulturbegriff. Wir werden Ergebnisse erarbeiten und das auf Augenhöhe mit dem Land Vorarlberg. Darum haben wir uns auch von Anfang bemüht, das Land als Partner, nicht als Gegner zu sehen.

Wie steht es dabei mit der Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen im kulturellen Süden – zb im Montafon, Museumswelt Frastanz, Artenne Nenzing, kultpur Nüziders, usw. – ist da etwas angedacht?

Wir gehen proaktiv auf die Partner zu. Sowohl auf politischer, als auch auf operativer Ebene. Etliche der Akteure waren bereits beim ersten Versuch im Frühjahr 2016 mit dabei. In der Lenkungsgruppe sitzen beispielsweise die Obfrau von kultpur, Isabell Rudolph, als auch Bürgermeister Georg Bucher aus Bürs. Ebenso folgen zeitnah erste Gespräche mit dem Stand Montafon sowie dem Vorstand der Regio Walgau. Einen Wissenstransfer hat es beispielsweise auch mit Martina Ess über das Projekt „Walgenau“ gegeben. Wir wollen zusammenführen, wir wollen mehr voneinander lernen, wir müssen schlichtweg zu einer kulturellen Plattform werden.

Skeptiker sehen in der „Kulturfabrik 2030“ gar eine Konkurrenzveranstaltung zur Kulturhauptstadt Europas-Bewerbung, die Sie damals als Bregenzer Stadtmarketing- und Tourismus-Chef ja ursprünglich initiiert haben. Wie sind hierbei die Zusammenhänge und welche Rolle spielt das starke Engagement des Landes Vorarlberg in diesen Überlegungen?

Bregenz war das Zugpferd. Ohne Bregenz hätte es 2015 keine gemeinsam Initiative gegeben. Und Fakt ist auch, dass eine Kulturhauptstadt auch kulturelle Leuchttürme braucht. Ob das Rolls-Royce-Museum, das Kulturhaus und das FLATZ Museum ausreichen, muss jeder für sich beantworten. Mit dem Ausstieg von Bregenz ist die Idee der Rheintalstadt nicht mehr gegeben. Welchen Bezug hat beispielsweise Feldkirch zu Dornbirn, wo ist die inhaltliche Brücke der beiden Städte? Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass Dornbirn neben St. Pölten und Bad Ischl realistische Chancen hat. Nur für welchen Preis? Unter 50 bis 60 Millionen wird es nicht gehen, das ist meine bescheidene Erkenntnis aus meiner internationalen Berufstätigkeit für Europäische Kulturhauptstädte, und mindestens zwei Drittel der Gesamtkosten müssten aus Vorarlberg kommen. Wahrscheinlich liegt hier der Knackpunkt. Das Land hat sich zu unserem Prozess bekannt, ein Bekenntnis, welches es bis dato im Kulturhauptstadtprozess nicht gab, zumindest nicht öffentlich. Vermutlich auch deswegen, weil es in Vorarlberg bereits eine kulturpolitische Schieflage zu Gunsten des Rheintals gibt und mit Sicherheit auch deswegen, weil wir nicht mit Millionenbeträgen ins Rennen gehen. Aber ich muss fairerweise sagen, dass die Bewerbung Dornbirns zur Kulturhauptstadt de facto nicht mit einer regionalen Kulturstrategie gleichzusetzen ist. Ich habe allerdings längst vorgeschlagen, dass sich die fünf Vorarlberger Städte auf einen gemeinsamen Weg zurückbegeben, und gemeinsam mit dem Land kulturelle Ideen realisieren. Nur so könnte man den Drive der Impulse aus dem Jahr 2015 wiederbeleben. Und das würde dem Land Vorarlberg tatsächlich guttun!